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Prolog

Na klasse, da hatte Klaras Vater mal wieder seine Tochter vergessen. Klara hatte gerade Gesangsunterricht, und ihr Vater wollte sie eigentlich abholen, aber sie hätte wissen müssen, dass er nicht kommt. Er wollte sie um punkt 18:00 Uhr abholen, da um diese Zeit der Unterricht vorbei war, aber mittlerweile war er schon um eine halbe Stunde zu spät. Klara stand an der Wand der Musikschule gelehnt, sah die Straße auf und ab und seufzte. Plötzlich ging neben ihr die Tür auf und ein Junge mit einem Gitarrenkoffer kam aus der Musikschule. Er Trug Klamotten, die ihm vielleicht zwei bis drei Nummern zu groß waren und hatte – wie Klara fand – hübsche, dunkelblonde Dreadlocks, auf denen er ein orange-braunes Cappie mit einem „A“ vorne drauf gesetzt hatte. Sie hatte den Jungen schon oft hier ein- und ausgehen sehen. Sie schätzte ihn ungefähr auf ihr Alter, also 13 oder 14. Der Junge zog seinen rechten Ärmel von seinem Pullover hoch und schien anscheinend auf seine Uhr schauen zu wollen, doch dann murmelte er hörbar: „So n Shit, die hab ich bestimmt zu Haus liegen gelassen“ Klara schmunzelte. Sie hatte eine Uhr dabei und sah darauf. 18:33 Uhr prangte ihr von dem schwarzem Zifferblatt entgegen. „Ähm…´tschuldigung, kannste mir vielleicht sagen wie spät es ist?“, fragte der Junge, der auf einmal neben Klara stand, die sich erschrocken umdrehte. „Ähm, äh, klar. 18:34 Uhr. Ich hab vorhin nachgesehen.“, erklärte sie, als er sie fragend ansah, denn sie hatte nicht auf die Uhr geguckt. „Achso“, sagte der Junge und grinste. Klara grinste jetzt auch. „Ich bin übrigens Tom. Tom Kaulitz.“, sagte er und hielt ihr die Hand hin. Sie nahm diese und sagte: „Ich heiße Klara. Klara Reinert.“ „Auf wen wartest du denn?“, fragte Tom. „Meinen Vater, und du?“, erwiderte Klara und sah wieder die Straße auf und ab. „Auf meine Mum und meinen Bruder. Musst du noch lange warten?“, fragte Tom weiter, in der Hoffnung, dass sie genauso lange warten musste wie er, denn er fand sie überaus sympathisch und hübsch. „Wahrscheinlich noch die ganze Nacht, es sei denn ich laufe nach Hause“, meinte Klara missmutig. Tom sah sie erschrocken an. „Mein Vater vergisst gerne mal mich abzuholen“, erklärte sie nun und sah ein drittes Mal die Straße auf und ab. „Oh. Wo wohnst du denn?“ „Loitsche“ „Hey da wohn ich auch. Wenn du willst, kann ich ja meine Mum fragen, ob sie dich mitnehmen kann.“ Klara überlegte und sah Tom an. Also, nicht dass sie ihn nicht leiden könnte, aber wer weiß, was er dann alles mit ihr anstellen würde. Oder seine Mutter. Oder sein Bruder. Oder sie alle zusammen. Sie zuckte mit den Schultern, als auch schon ein schwarzes Auto in die Einfahrt einbog. Was genau es für eine Automarke war, konnte Klara nicht sagen, sie kannte sich nicht richtig mit Autos aus. Warum auch, ihr reichte es, wenn sie eine schöne Farbe hatten, komfortabel und praktisch waren. „Warte kurz hier“, sagte Tom und ging zu dem schwarzen Auto ging. Klara nickte und er ging los. „Hei Mum“, sagte Tom und machte die hintere Autotür auf, um seinen Gitarrenkoffer reinzuschmeißen. „Autsch! Pass doch mit dem Ding auf!“, kam es auch schon vom Rücksitz her. Das war sein Zwilling, Bill. Allerdings würde man es kaum glauben, dass die beiden Zwillinge waren, denn sie sahen so unterschiedlich aus wie Tag und Nacht. Tom beachtete seinen Bruder nicht weiter und fragte seine Mutter: „Kannst du Klara mitnehmen?“ „Wer ist Klara?“, fragte Simone – seine Mutter – und sah ihren Sohn fragend an. Tom erklärte: „Sie ist auf meiner Musikschule und wartet auf ihren Vater, aber der wird wohl heute nicht mehr kommen und da sie in Loitsche wohnt, dachte ich mir, du könntest sie eventuell mitnehmen.“ Simone zuckte mit den Schultern und sagte: „Bring sie mal her“ „Ok“, sagte Tom und weg war er. Klara hatte Tom die ganze Zeit beobachtet und senkte schnell den Blick, als er sich plötzlich umdrehte und auf sie zukam. Er sollte nicht mitkriegen, dass sie ihn die ganze Zeit angestarrt hatte, das wäre ihr nur wieder peinlich gewesen. „Komm mal mit“, sagte Tom und zerrte sie an ihrem Arm mit zu dem Auto. Dort angekommen sah Klara eine Frau am Steuer, die blonde lockige Haare und ein hübsches Gesicht hatte. Sie lächelte Klara an und sagte: „Du bist Klara?“ Klara nickte stumm. „Na, dann komm mit. Wo wohnst du denn genau?“ „In der Eisenacherstraße 12“, sagte Klara und wartete ab, was jetzt kommen würde. „Okay, dann steig mal ein“, sagte die Frau und deutete auf die Beifahrerseite des Autos. „Ok“, sagte Klara, ging vorne um das Auto herum und stieg ein. Sie schnallte sich an und sah aus der Windschutzscheibe des Autos. „Ich bin übrigens Simone“, sagte Toms Mutter, als sie rückwärts aus der Einfahrt fuhr. „Und ich bin Bill“, kam es vom Rücksitz her und Klara drehte sich überrascht um. „Oh, hi, ich hab dich gar nich gesehen“ „Kein Wunder, wenn er 10 Minuten jünger ist als ich, wird er übersehen“, grinste Tom und Bill streckte ihm die Zunge raus. Den Rest der Fahrt stritten sich Bill und Tom, was jedoch nur zur Unterhaltung Klaras diente. Die fand es auch sehr belustigend, vor allem dann, wenn der eine immer so tat, als wäre er beleidigt und der andere dann versuchte sich zu entschuldigen. Eine halbe Stunde später waren sie in der Eisenacherstraße angekommen und Simone hielt an, um Klara raus zulassen. „Danke fürs mitnehmen“, sagte Klara noch und schlug dann die Autotür zu. Sie blieb noch stehen und winkte, während Simone mit dem Auto wendete und dann davon fuhr. Tom drehte sich ebenfalls um und winkte ihr. Dann fiel ihm etwas ein. „Verdammte Scheiße“, sagte er. „Wasn?“, fragte Bill. „Ich hab vergessen sie nach ihrer Handynummer zu fragen. Was soll ich jetzt machen?“ „Du weißt doch wo sie wohnt, dann kannst du sie doch morgen besuchen“, sagte Bill, während er in seiner Jackentasche nach einem Lutscher suchte. Für ihn war es unerklärlich, warum Tom sich so aufregte. Klara war doch nur ein Mädchen. Sicher, sie war attraktiv und auch hübsch und so, aber deswegen musste man doch nicht so einen Aufstand machen. Zumindest nicht dann, wenn man wusste wo sie wohnt, dann konnte man sie immerhin noch besuchen gehen. Also machten sich Bill und Tom aus, dass sie Klara am nächsten Tag gleich nach der Schule besuchen würden.

 

Kapitel 1

Klara ging indessen die Straße entlang, zum Haus Nummer 12, in dem sie mit ihrem Vater wohnte. Sie seufzte. Ihr Vater. Was der wohl gerade machte? Bestimmt war er in seiner Stammkneipe mit seinen Kumpels und besaufte sich wie nichts Gutes. Oder er war zu Haus und schlief seinen Rausch aus. Seit dem Klaras Mutter vor einem Jahr bei einem Autounfall gestorben war, trank ihr Vater fast pausenlos. Er kümmerte sich immer weniger um seine Tochter und machte sich Vorwürfe wegen dem Tod seiner Frau. Dabei war es noch nicht mal im Ansatz seine Schuld gewesen, meinte Klara. Nein, es war die Schuld des betrunkenen Autofahrers gewesen, der ihre Mutter geradewegs ,in den Tod trieb´, wie Klara immer sagte. Klara wusste eigentlich nicht viel über den Unfall, sie war ja nicht dabei gewesen. Sie wusste nur das, was ihr der Arzt erzählt hatte. „Der Autofahrer hat ihr Auto so gerammt, dass es seitlich in einen Baum gerast ist. Das Auto hat sich verbogen und deine Mutter war auf der Stelle tot. Sie hat sich in ihrem Sitz merkwürdig verdreht und sich dabei ihr Genick gebrochen.“, hatte der Arzt, Dr. Franck, gesagt.

Klara stiegen Tränen in den Augen, die sie sich jedoch sofort wieder wegwischte. Sie war jetzt an ihrer Haustür angelangt. Sie wischte sich noch schnell den Rest der Tränen aus den Augen und öffnete vorsichtig die Tür, falls ihr Vater zu Hause sein sollte. Sie ging leise ins Haus und schloss die Tür hinter sich. Dann zog sie sich ihre Jacke aus und ging ins Wohnzimmer. Nichts. Vielleicht war er im Schlafzimmer? Ja. Da lag er und schlief tief und fest. Klara war sich sicher, dass er nicht mal aufwachen würde, wenn neben ihm eine Atombombe platzen würde. Sie schüttelte den Kopf und ging in die Küche, um sich ein Brot zu machen. Doch als sie dort angekommen war, merkte sie, dass sie gar keinen Hunger hatte. Also machte sie sich eben was zu trinken. Dann ging sie in ihr Zimmer, machte Musik an und nahm sich ein Buch zum lesen. Es hieß ,Liebesgrüße aus Paris´ und war im Moment Klaras absolutes Lieblingsbuch. Naja, es war momentan auch das einzige Buch, das sie las. Allerdings konnte sie sich nicht auf das Buch konzentrieren, da sie auf einmal anfing, über diesen Tom von der Musikschule nachzudenken. Nicht, dass sie ihn nicht mögen würde, nein ganz im Gegenteil. Sie fragte sich nur, ob sie ihn noch einmal wieder sehen würde. Sie hoffte es, war aber der festen Überzeugung, dass das Pech wieder mal siegen würde und sie ihn tatsächlich niemals wieder sehen wird. Sie seufzte und sah auf ihren Radiowecker. 20:22 Uhr. Sie überlegte, wann sie ins Bett gehen sollte, da morgen wieder Schule war. Dann schlug sie ihr Buch zu und ging ins Badezimmer, um sich dort schon mal die Zähne zu putzen, weil sie heute Abend bestimmt nichts mehr essen wollte. Unter der Dusche war sie heute Morgen schon gewesen, also brauchte sie das nicht mehr zu machen. Sie schminkte sich ab, cremte sich ein und ging dann wieder in ihr Zimmer, um sich ihre schwarzen Hotpants und ein rotes Top zum schlafen anzuziehen. Allerdings legte sie sich noch nicht ins Bett um zu schlafen, nein noch lange nicht, sondern sie rief ihre beste Freundin Charly an. Charly hieß eigentlich Charlotte, doch da sie ihren Namen so doof fand, wurde sie von allen nur Charly genannt, selbst ihre Eltern nannten sie so. Charly machte sich gerade daran zu schaffen, noch Hausaufgaben für die Schule zu erledigen. Das tat sie immer auf dem letzten Drücker, weil dazu nie sonderlich Lust hatte, und die Aufgaben immer hinausschob, bis es zu spät war. Ihre Mutter rief aus dem Flur: „Charly Telefon!“ „Wer is dran?“, schrie Charly zurück. „Klara!“ „Sag ihr, ich bin gleich da!“, rief Charly, steckte die Kappe auf ihren Füller, ließ diesen einfach fallen und raste mit Lichtgeschwindigkeit in den Flur zur Kommode und nahm den Hörer in die Hand. „Hey Süße, was gibt’s? Ich bin grad bei den Hausaufgaben, bei Mathe, um genau zu sein. Und ich kann’s mal wieder nicht. Du? Ja, du bestimmt, oder, ich mein du bist ja sonst auch immer so gut in Mathe. Kannst du mir helfen?“, rasselte sie in einer Bombengeschwindigkeit herunter ohne dabei Luft zu holen. Klara war mal wieder verblüfft, wie ihre beste Freundin in einer Tour labern konnte, ohne dass ihr die Luft ausging. Das konnte sie nicht. „Es gibt was wichtiges, ja und ja.“, sagte sie ruhig. „Hä?“, kam es von Charly. „Deine Fragen, du hast mich gefragt, was es gibt, ob ich Mathe kann und ob ich dir dabei helfen kann. Und das waren meine Antworten.“ „Okay…also, was ist das wichtige? Nein, halt, lass mich raten. Ähm….ein Junge, du hast nen Jungen kennen gelernt, richtig?“ „Ja“, antwortete Klara knapp. „Aaah“, Charly stieß einen spitzen Schrei aus, worauf ihre Mutter empört rief: „Charly!“ „Tschuldige Mum, kommt nicht mehr vor!“, rief Charly ihrer Mutter zu und nahm sich einfach das Telefon und verschwand damit in ihrem Zimmer. „Wie heißt er? Wo wohnt er? Wie alt ist er? Kennst du ihn schon lang? Wo habt ihr euch kennen gelernt? Na los, sag schon!“, sprudelte Charly weiter, während Klara Mühe hatte, bei den vielen Fragen die Übersicht zu behalten. „Ähm…Tom Kaulitz, in Loitsche, vielleicht in meinem Alter, seit heute und an der Musikschule.“, sagte Klara und überlegte, ob sie was vergessen hatte, was jedoch nicht der Fall zu sein schien, denn Charly fragte weiter: „Und ist er süß? Wie sieht er denn aus? Hat er nen Bruder? Stellst du ihn mir mal vor?“ „Er ist schon ganz niedlich, ja. Er sieht….wie ein Junge aus“, was besseres war Klara nicht eingefallen, sie wusste nicht, wie sie ihn beschreiben sollte, „Ja, er hat nen Bruder und ich kann ihn dir leider nicht vorstellen.“ Charly fragte überrascht: „Wieso?“, und das sollte schon was heißen, denn es kam sehr selten vor, dass sie nur eine Frage auf einmal stellte. Und wenn, dann versuchte sie meist selbst die Antwort zu finden und ließ ihren Gesprächspartner so gut wie nie zu Wort kommen. „Weil ich ihn wahrscheinlich nie wieder sehen werde“, sagte Klara bedrückt. „Wieso?“, wiederholte Charly. „Weil wir keine Handynummern, nix, gar nix getauscht haben“ „Ooohh“, machte Charly, „das ist doof. Weißt du denn nicht wo er genau wohnt? Wie habt ihr euch denn kennen gelernt? Über was habt ihr euch unterhalten?“ „Nein, er hat mich nach der Uhrzeit gefragt und darüber, wer wie lange auf wen warten muss.“ „War ja n ziemlich interessantes Gespräch, wie?“, sagte Charly sarkastisch. Wenn sie sich mit einem Jungen unterhielt, dann ging sie richtig ran und flirtete. Klara wollte gerade was drauf antworten, da rief Charly Mutter: „Charly, hör jetzt auf zu Telefonieren, du musst noch deine Hausaufgaben machen!“ Charly seufzte. „Du hast es gehört. Naja, wir sehen uns ja morgen in der Schule, da musste mir alle Kleinigkeiten erzählen, ja?“ „Klar mach ich das, bye.“ „Gut, bis dann“, und schon hörte Klara nur noch ein ,tut tut tut´ aus dem Hörer und sie legte ebenfalls auf.

 

Kapitel 2

„Bill! Aufwachen!“ „Hä, was?“, fragte Bill und schaute auf. Er war in der Schule und gerade mitten im Matheunterricht. Sein Lehrer, Herr Schuster, hatte eine Aufgabe gestellt. Und nun sollte er sie beantworten. Das erwies sich jedoch als schwierig, da er geschlafen hatte. „Sieben fünftel“, flüsterte ihm Andi, Bills und Toms bester Kumpel, zu. „Sieben fünftel“, wiederholte Bill laut und Herr Schuster sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. „Das ist richtig, aber nächstes Mal kannst du es gleich laut sagen, wenn du es ihm schon vorsagst, Andreas“, wandte Herr Schuster sich an Andi. Dann machte er sich wieder an der Tafel zu schaffen. Bill und Andi grinsten sich an, dann erzählte Bill seinem Freund von Tom und dessen Begegnung mit Klara. „Wow, dann hat er sich mal wieder ne neue geangelt“, flüsterte Andi grinsend. Bill nickte. „Ja, wahrscheinlich. Aber weißt du….ich mach mir Sorgen um Monika, mit der ist er doch im Moment zusammen.“ „Ach komm schon, du kennst ihn doch, der macht dann wieder mit Monika Schluss, ist dann mit dieser Klara zusammen, behält die für ne Woche, macht dann wieder mit der Schluss, hat dann wieder ne neue…naja, und so weiter eben.“, winkte Andi ab, doch Bill schüttelte den Kopf. „Nee, das ist was anderes. Er hatte immer dieses Glitzern in den Augen, wenn er von Klara gesprochen hat.“ Andi sah ihn skeptisch an: „Du willst mir hier jetzt nicht ernsthaft verklickern wollen, dass dein Bruder diesmal wirklich verliebt ist, oder?“ Bill zuckte nur mit den Schultern.

Zur gleichen Zeit kritzelte Tom, der in einer anderen Klasse als sein Bruder und sein bester Freund war, da er strafversetzt worden war, auf seinem Arbeitsblatt herum, dass er eigentlich hätte ausfüllen müssen, und dachte an Klara. Sie war so wunderschön, hatte schulterlange, blonde Haare, braune Augen und ein bezauberndes Lächeln. Hoffentlich weiß sie überhaupt noch, wer ich bin, wenn ich heut Nachmittag bei ihr aufkreuze, dachte Tom auf einmal. Er stützte sich auf seine beiden Hände und sah sich in der Klasse um. Dann sah er plötzlich Monika. So n Shit, dachte er, die hab ich ja ganz vergessen! Monika lächelte und winkte im zu. Tom winkte etwas unsicher zurück und dachte, dass er Bill fragen würde, ob er nicht für ihn mit ihr Schluss machen würde. Schließlich hatte er das so oft für ihn getan, da zählte einmal mehr oder weniger nicht mehr. Als es klingelte, rannte er sofort aus seiner Klasse, damit er nicht Monika begegnen musste. Er machte sich auf dem Weg zu der Klasse seines Bruders. Dort angekommen, winkte er Bill heraus, der sofort mit Andi angestürmt kam. Tom sah seinen Bruder flehend, bittend und besorgt zugleich an. Bill wusste was jetzt kommen würde, immerhin war er Toms Zwilling. „Bill, du musst mir n Gefallen tun. Mach für mich mit Monika Schluss, bitte.“ Bill seufzte und schüttelte den Kopf. „Ich wusste es. Warum machst du das nicht endlich mal selbst? Du bist kein kleines Kind mehr, Tom!“ „Ach, komm schon, bitte“, sagte Tom und sah Bill flehend an, „Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte!“ Bill jedoch blieb stur. Er wollte, dass sein Bruder es selber lernte. Tom versuchte sogar den Trick mit den kugelrunden Hundeaugen, doch Bill blieb stark, auch wenn es ihm schwer viel. Irgendwann ließ Tom es dann bleiben und entschied sich, auf seinen Zwilling sauer zu sein, auch wenn es ihm nicht leicht viel. Aber er musste Bill irgendwie weich kriegen, denn er selber hatte Angst davor, mit Monika Schluss zumachen. Schließlich hatte er gehört, was mit anderen Jungs passiert war, die die Beziehung zu ihr beendet hatten. Und das, was er gehört hatte, war nicht gut. Also würde er mit allen Mitteln versuchen, Bill weich zukochen, ihn dazu zu bringen die Sache mit Monika zu beenden und sich dann einfach ein paar Tage krank melden um sich vor ihr zu verstecken.

Als die Schule zu Ende war, machten sich Bill und Tom auf den Weg zu Klara. Die saß indessen zu Hause und heulte sich die Augen aus. Warum? Ihr Vater hatte sie mal wieder geschlagen, weil sie eine schlechte Zensur bekommen hatte. Das tat er immer, und Klara zog sich dann in ihr Zimmer zurück, schloss die Tür ab und weinte hemmungslos. Sie saß auf ihrem Bett, die Knie an den Körper gezogen und umschlang sie mit ihrem Armen, den Kopf gesenkt. Mama, wieso lässt du mich hier so allein?, fragte Klara leise und hob den Kopf. Plötzlich klingelte es an der Tür. Oh nein, dachte Klara, hoffentlich geht mein Vater nicht ran, der schlägt doch alles und jeden! Sie ging zu ihrem Fenster und sah hinunter. Wer dort genau stand, konnte sie nicht erkennen, aber es waren zwei Personen, das wusste sie. Nach einigen Sekunden, in denen sie wartend da gestanden hatte, ging Klara zu ihrer Zimmertür und öffnete diese ganz vorsichtig und leise. Da sie ihren Vater nicht sehen konnte, ging sie auf Zehenspitzen die Treppe runter. Dann bemerkte sie, dass ihr Vater gar nicht mehr da war. Der war bestimmt auf dem Weg zu seiner Stammkneipe und machte sich wieder voll, dachte Klara. Und dann würde es noch mehr Schläge geben, jedoch diesmal aus keinem bestimmten Grund, es war einfach nur deshalb, weil er betrunken war. Bei diesem Gedanken stiegen ihr noch mehr Tränen in die Augen, die sie aber wegdrückte und sich einmal kurz mit dem Handrücken über die Augen fuhr, um die restlichen Tränen ebenfalls wegzuwischen. Dann machte sie die Haustür auf. Vor ihr stand – sie glaubte es kaum – Tom, der Junge von der Musikschule. Mit dabei war sein Bruder. Den konnte sie jetzt zum ersten Mal richtig von oben bis unten betrachten, da es ja in dem Auto der Mutter der beiden unmöglich war, weil es schon dunkel war. Bill hatte eine sonderbare Frisur, wie Klara fand. Hinten standen die Haare stachelig ab und vorne hing eine dicke Strähne tief in seinem Gesicht und verdeckte die linke Gesichtshälfte. Seine Augen hatte er mit schwarzem Kajal und schwarzem Lidschatten umrandet, was seine dunklen, schokobraunen Augen geheimnisvoll machten. Sie sah an ihm herunter und sah, dass er auch seine Nägel mit schwarzem Nagellack lackierte. Seine Klamotten waren kleiner als die von Tom, deutlich kleiner, er trug sicherlich eine S. „Hi“, sagte Tom, doch im nächsten Moment sah er Klara schockiert an. „Was ist denn mit dir passiert?“ Klara sah in den Spiegel im Flur und merkte, dass ihre rechte Wange ganz rot war. Sie fuhr sich mit der Hand drüber. „Ach…nix, ich…bin nur gegen die Wand gerannt. Es ist nix schlimmes, wirklich, es geht schon.“, sagte sie schnell. „Aber sagt mal, was macht ihr hier?“ „Dich besuchen“, antwortete Bill statt Tom, der Klara immer noch unsicher ansah. Er wollte ihre Geschichte nicht recht glauben. „Oh…ähm, muss das jetzt sein?“, fragte Klara und sah unsicher die Straße auf und ab. Sie machte sich Sorgen, ihr Vater könnte wieder kommen. Und wenn er die beiden Jungs sah, würde er ihnen gehörig die Meinung zeigen, und sie wusste, wer dann gewinnen würde. „Nein, es muss nicht sein…aber ich dachte…“ „Gut, weil….äh…ich krieg gleich noch Besuch“, unterbrach Klara ihn, „aber wir können uns morgen irgendwo treffen, wenn ihr wollt.“ Bill und Tom sahen sich an. Anscheinend unterhalten die sich über Telepathie oder so, dachte Klara. „Okay“, sagte Bill dann, „wie wär’s um 15:00 Uhr an der Strandbar in Magdeburg?“ Klara nickte. „Geht in Ordnung. Wir sehen uns dann.“ „Okay, bis dennings“, sagte Tom und er und Bill drehten sich um und gingen. Klara sah ihnen noch einen Moment nach, dann schloss sie die Tür wieder.

 

Kapitel 3

Bill und Tom gingen schweigend nebeneinander her und hingen ihren Gedanken nach. Sie ist ja schon ganz süß, dachte Bill. Ihre schulterlangen, blonden Haare brachten ihre schönen braunen Augen zur Geltung, fand er. Vielleicht sollte er… Nein, das kommt nicht in Frage, brachte er sich schnell zur Besinnung, sie ist Toms Mädchen, ich will ihm da nicht zwischen funken. Tom machte sich währenddessen Sorgen um Klara. Ob sie wirklich ,nur´ gegen die Tür gelaufen ist, fragte er sich. Sah nicht wirklich danach aus. Naja, morgen werde ich sie genauer danach fragen. „Du Bill?“ „Hmh?“ „Wie findest du Klara?“ Bill überlegte, ob er die Wahrheit sagen sollte. Er entschied sich dagegen. „Naja, ich find sie nicht schlecht…also, sie ist schon ganz nett und so…aber ich glaub, sie ist nicht wirklich mein Fall…“ „Glaubst du oder weißt du?“, forschte Tom weiter nach, als Bill die Haustür aufschloss. „Ich glaub, ich weiß…“, erwiderte Bill und zog sich Schuhe und Jacke aus. Tom ebenfalls. „Was für ne präzise Antwort, Bruderherz“, sagte Tom. „Tja, kennst mich doch“, lachte Bill, um sich da rausreden zu können. Er wollte nicht, dass Tom ihn deswegen weiter ausfragte, es war ihm unangenehm seinen eigenen Zwillingsbruder zu belügen. Dabei kam er sich irgendwie so….falsch vor. Aber das musste sein, Tom würde es eh nicht verstehen. Die beiden gingen jeder auf ihr Zimmer. Bill legte sich auf sein Bett, schloss die Augen und dachte wieder nach.

Zur gleichen Zeit lehnte Klara noch an der Haustür und sagte leise: „Glück gehabt.“ Dann ging sie ins Badezimmer um sich ihre rechte Wange genauer anzusehen. Uuh, sieht echt schlimm aus, dachte sie und nahm sich einen Kühlbeutel und legte ihn auf die Wange. Kurz darauf nahm einen Türschlag war. Ihr Vater war wieder zu Haus. Vorsichtig machte sie die Tür vom Badezimmer auf. Kaum war diese auch nur ein Spalt offen, stieß sie einen erschütternden Schrei aus, denn sie sah ihren Vater. Und er sah nicht gerade so aus, als mit ihm gut Kirschenessen wäre. Er sah ziemlich wütend aus. Sogar sehr, sehr, sehr wütend. „H-hei Dad“, sagte Klara zitternd, während sie rückwärts wieder ins Bad ging. Er kam ihr hinterher und sah sie bedrohlich an. „Wer war das?“, kläffte er sie an. Klara merkte, dass er betrunken war. „Wer war was?“, fragte sie verwirrt. „Die beiden Jungs, wer warn die? Deine Freunde? Bist du mit einem von denen zusammen? Na los, sag schon!“ Und mit dem letzten Satz gab er ihr eine Ohrfeige, die sich gewaschen hatte. Klaras Gesicht viel zur Seite, sie hielt sich die linke Wange. Tränen stiegen ihr in die Augen. „Sag schon!“, wiederholte ihr Vater, lauter als vorher. „N-n-nein, das…sind nur Bekannte…Freunde…wie a-auch immer d-du…..es nennen willst“, sagte Klara leise. „Bekannte! Soso, nur Bekannte also!“, polterte nun ihr Vater und dreschte weiter auf sie ein. Sie lag inzwischen mit geschlossenen Augen zusammengekrümmt auf dem Boden und hoffte, dass es bald enden würde. Sie hielt es nicht mehr aus und schrie, sie schrie so laut und lange sie nur konnte. „Halt deine verdammte Klappe!“, rief ihr Vater irgendwann, nahm sie an ihren Handgelenken und zerrte sie vom Boden auf. Er schubste sie aus dem Badezimmer in den Flur, von dem Flur vor die Tür. „Du bleibst so lange da draußen, bis du dich beruhigt hast! Und komm ja nicht auf die Idee, auch nur versuchen irgendwie unbemerkt in die Wohnung zu kommen!“, schrie er noch, dann donnerte er die Tür zu. „Das Kannst du doch nicht machen!“, schrie Klara und hämmerte mit den Händen gegen die Tür. Doch von innen kam keine Reaktion. Klara hämmerte jedoch weiter, bis sie irgendwann nur noch ganz schwach und sachte auf die Tür einschlug. Dann sank sie wimmernd an der Tür herunter, hockte sich hin, winkelte die Beine an und umschlang diese mit den Armen. Sie fing an zu schluchzen und saß da, an ihrer Haustür. Wie lange sie so dasaß, wusste sie nicht, aber als sie endlich aufsah und sich die Tränen aus den Augen rieb, merkte sie, dass es schon anfing zu dämmern. Langsam stand sie auf und überlegte, was sie als nächstes machen sollte. Dann viel ihr Charly ein und sie beschloss, sich auf den Weg zu ihr zu machen. Auf dem Weg begegnete sie Bill, der mit seinem Hund Scotty unterwegs war. „Och Scotty, komm jetzt, ich will nach Hause“, maulte Bill als sein Hund nicht weiterlaufen wollte. Bill wollte gerade weitergehen, als plötzlich Klara vor ihm stand. Und sie sah gar nicht gut aus. Ihre Schminke war ganz verlaufen, ihre rechte Wange war immer noch ganz rot, die linke jetzt auch und sie hatte heftiges Nasenbluten. Bill sah sie schockiert an. „Oh Gott, Klara, was ist denn mit dir passiert?“ „Ich….“, fing Klara an. Ihre Stimme zitterte und sie nuschelte ein wenig, wegen dem vielen weinen. „Klara? Hallo? Geht’s dir gut?“, rief Bill und wedelte ungeduldig mit einer hand vor ihrem Gesicht herum, da sie ihm nicht antwortete. Er machte sich inzwischen ernsthaft Sorgen um Klara. Sie stand jetzt nur noch einfach so da und starrte in die Leere. Ihre sonst so haselnussbraunen Augen waren ganz glasig. Klara fragte sich, wieso ihr Vater so etwas tat. Machte er das alles nur, weil er nicht mehr sich selbst die Schuld für den Unfall ihrer Mutter geben wollte? Oder hasste er seine Tochter einfach nur? Bill – von dem Klara gar nicht mehr merkte, dass er da war – war im Begriff, Panik zu bekommen. Er ließ Scottys Leine fallen und fing an, Klara sachte zu schütteln. „Hey Klara, komm schon, sag was! Na los!“, sagte er laut. Seine Gedanken überschlugen sich, er wusste nicht, was er tun sollte. Er entschied sich einfach dafür, Klara mit zu sich nach Hause zu nehmen. Also hob er die Leine wieder auf, pfiff Scotty zu sich, nahm Klara an die Hand und zerrte sie mit sich. Sie ging allerdings nur schweren Schrittes voran, so dass er nach nicht allzu langer Zeit ziemlich außer Atem war – er war nicht gerade eine Sportskanone. Ein Glück also, dass er nur 2 Straßen weiter wohnte. Bei sich zu Hause angekommen, nahm er mit zittrigen Händen seinen Schlüssel und schloss die Tür auf. Besser gesagt: er versuchte es, denn - wie gesagt – seine Hände zitternden ziemlich heftig. Nach 3 bis 4 Anläufen hatte er es dann aber doch geschafft, riss die Tür auf und brüllte: „Mum! Tom! Gordon!“ Zuerst keine Reaktion. Seine Eltern waren also nicht da. „Aber Tom, wo ist Tom?“, murmelte Bill und sah sich unruhig in der Wohnung um. Dann ging er wieder zurück zu Klara, die immer noch im Flur stand und ins Nichts starrte. Er nahm sie wieder bei der Hand und zog sie ins Wohnzimmer, wo er sie auf der Couch deponierte. Dann zog er sich in windes Eile Schuhe und Jacke aus, rannte ein Stockwerk höher, wo das Zimmer von ihm und seinem Bruder war und riss eine Tür nach der anderen auf, um zu sehen, ob noch irgendeine Menschenseele im Haus war. Schließlich kam er bei Toms Tür an und wollte sie aufreißen, doch ermerkte, dass sie verschlossen war. Er horchte kurz an der Tür und nahm Gitarrenspiel wahr.

 

Kapitel 4

Tom übte gerade Gitarre und war so versunken, dass er das wilde Hämmern, dass von Draußen kam, zuerst gar nicht wahr nahm. Doch irgendwann – während er überlegte, was er spielen sollte – hörte er es. Er legte seine Gitarre bei Seite, stand auf und schloss die Tür auf. Vor ihm stand sein Bruder, der so dermaßen außer Atem war, als ob er einen 100-meter Lauf zurückgelegt hätte. „Hei Bill, wasn los?“ „Tom….Klara…sie ist….gefunden…kam mir entgegen….Nasenbluten….“, sagte Bill schnaufend, doch Tom konnte mit seinen Wortfetzen nichts anfangen. Allerdings merkte Tom sofort, dass etwas nicht stimmte. „Was ist?“, wiederholte er. Bill jedoch drehte sich um, winkte ihm, er solle nachkommen und verschwand die Treppe runter. Tom dachte nicht weiter nach und folgte seinem Zwilling eilig. Er war gerade mal auf der Hälfte der Treppe angelangt, als er einen Schrei wahrnahm. „Klara!“, kam es von Bill, offenbar aus dem Wohnzimmer. Tom rannte – nein, stolperte jetzt noch schneller die Stufen runter und wäre am Ende der Treppe fast hingefallen. Er krallte sich am Geländer fest und hetzte ins Wohnzimmer. Dort saß Klara auf der Couch, während Bill sie heftig schüttelte. Klara hatte Nasenbluten und ihre Wangen waren ganz gerötet. Ihr Blick war merkwürdig klar. „Bill!“, rief Tom nun und lief zu ihm hin, um ihn davon abzuhalten, Klara weiter zu schütteln, denn das brachte offenbar gar nichts. Aber Bill wusste sich nicht anders zu helfen. Er hatte Angst. Angst um Klara. Was mochte ihr passiert sein, dass sie so schlimm zugerichtet war und offenbar keinen klaren Gedanken mehr hatte? „Was ist passiert?“, fragte Tom und sah Klara beunruhigt an. „Keine Ahnung, sie ist mir auf der Straße entgegengekommen als ich mit Scotty unterwegs war. Ich hab sie gefragt, was los sei, sie hat nicht geantwortet. Seit dem starrt sie die ganze Zeit vor sich in die Luft und sieht mich nicht.“, rasselte Bill herunter. „Das ist richtig unheimlich“, fügte er leise hinzu. Tom nickte, setzte sich neben Klara und strich ihr sachte mit der Hand an der Wange entlang. Plötzlich zuckte sie zusammen. Was war das? Sie drehte sich nach rechts und sah Tom mit geweiteten Augen an. „Klara?“, fragte er unsicher. Klara wollte gerade etwas erwidern, als sie auf einmal in sich zusammen sank. „Klara!“, riefen Bill und Tom. Sie lag nun halb auf der Couch und schien sich nicht zu rühren. Die Zwillinge bekamen Angst und hatten null Plan, was sie jetzt tun sollten. Doch dann sah Tom etwas. „Hei! Schau mal!“, machte er Bill darauf aufmerksam. Bill sah es auch: Klara schien zu schlafen, ihr Bauch hob und senkte sich regelmäßig. Die Jungs atmeten erleichtert auf. Tom legte sie vorsichtig mit den Beinen auf die Couch, so dass sie ganz drauf lag, und deckte sie mit einer Decke, die Bill geholt hatte, zu. Dann gingen die beiden leise flüsternd die Treppe herauf und in Bills Zimmer. „Und du weißt wirklich nicht, was genau passiert ist?“, fragte Tom, als Bill seine Zimmertür schloss und sich die beiden auf dessen Bett setzten. Bill schüttelte den Kopf. „Nein, ich sag ja, sie ist mir auf der Straße entgegengekommen und…da sah sie so aus wie jetzt. Aber weißt du, was ich merkwürdig finde?“ Jetzt schüttelte Tom den Kopf. „Sie hatte ihre Hauschuhe an“, erwiderte Bill nachdenklich. „Vielleicht…wollte sie ja den Müll raus bringen und dabei ist irgendwas passiert…“, sagte Tom. „Glaub ich nicht“ „Naja, wir können sie ja morgen fragen“, sagte Tom und gähnte ausgiebig, „ich jedenfalls geh jetzt ins Bett, ist ja schon 23:45 Uhr. Gut Nacht Bill.“ Und damit ging er und überließ Bill seinen wirren Gedanken. Was war Klara zugestoßen, dass sie so dermaßen verstört war? Vielleicht sollten sie mit ihr morgen zum Arzt, oder sogar zur Polizei gehen. Mit diesem Gedanken fiel Bill dann auch schon in einen tiefen, tiefen Schlaf…

Mitten in der Nacht wurden Bill und Tom von einem Schrei geweckt. Beide schraken aus ihren Betten, stürzten sofort zur Zimmertür, rissen sie auf, sahen sich gegenseitig kurz an und machten sich eilig auf den Weg nach unten. Es konnte nur etwas mit Klara sein, es war niemand sonst hier, denn ihre Eltern waren auf Geschäftsreise. Klara lag schweißgebadet auf der Couch, krallte sich mit den Händen fest. Sie hatte einen Albtraum gehabt. Worum es genau darin ging, wusste sie nicht mehr. Aber es war etwas grauenhaftes, so viel war sicher. Sie wollte sich gerade aufrichten, als Bill und Tom ins Zimmer gestürmt kamen. Nanu, fragte sich Klara, was machen die zwei denn bei mir zu Haus? Denn sie wusste ja nicht, wo sie sich befand. Erst als sie sich umsah, bemerkte sie, dass sie ja gar nicht bei sich zu Hause war. Bill und Tom kamen mit großen und ängstlichen Augen auf sie zu. „Klara, geht’s dir gut?“, fragte Bill, als sie bei ihr angekommen waren und sich hingehockt hatten. „Ich…weiß nicht…ich hatte einen Albtraum“, murmelte Klara und zuckte mit den Schultern. „Du siehst nicht gut aus…“, sagte Bill und besah sie sich genauer. „Danke, wie nett…“, erwiderte Klara und versuchte ein Grinsen zu Stande zu bringen. „Du kannst ja schon wieder lachen“, sagte Tom und lächelte. Klara nickte: „Klar, lachen sollte man immer können“ Dann verzog sie plötzlich das Gesicht. „Mir ist schlecht“ „Das Klo ist um die Ecke“, erwiderte Bill, während Tom angewidert das Gesicht verzog, „rechts“, fügte Bill noch hinzu. Und schon rannte Klara durch die Tür und rechts um die Ecke zum Klo.

 

Kapitel 5

Dort angekommen, übergab Klara sich. Dabei hatte sie doch noch gar nichts gegessen … Als sie – endlich – nicht mehr den Drang hatte sich zu übergeben, rutschte sie am Rand der Badewanne herunter und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Sie war so müde, so unendlich müde, obwohl sie erst geschlafen hatte. Als sie aufstand und sich im Spiegel besah, kam sie einen Schreck. Ihre Schminke war verlaufen und unter ihrer Nase war trockenes Blut. Sie wusch sich Gesicht und Hände und ging dann wieder langsam zurück zu den beiden Jungs. Dort angekommen setzte sie sich auf die Couch, auf der inzwischen auch Tom saß. Bill hockte immer noch auf dem Boden. „Wie geht’s dir?“, fragte Tom besorgt. „Geht so“, murmelte Klara zurück. Bill fasste sie an die Stirn und bemerkte: „Du hast bestimmt n bisschen Fieber. Fühlst dich warm an.“ „Was ist gestern eigentlich passiert?“, fragte Tom dazwischen. „Was? Wieso?“, stellte Klara verwirrt die Gegenfragen. „Naja“, meinte nun Bill, „du bist mir entgegengekommen und sahst aus wie…naja, wie als ob du geschlagen worden wärst….“ Zum Schluss wurde seine Stimme immer leiser, als befürchtete er, dass er genau das vermutete und Angst hatte, Recht zu haben. Bei Klara schrillten nun leichte Alarmglocken. Bill hatte tatsächlich Recht, nur durfte er das auf gar keinen Fall erfahren, sonst würde er bestimmt die Polizei alarmieren, dann würde sie ins Heim kommen und … Oh Gott, den Rest wollte sich Klara lieber gar nicht erst ausmahlen. „A-ach was“, erwiderte sie, voll und ganz erpicht darauf, Bill und Tom vom Gegenteil zu überzeugen, „ich … mir ist nichts passiert, ganz sicher.“ Bill und Tom wechselten einen viel sagenden Blick, sagten jedoch nichts. Klara schlug die Augen zu und sagte: „Jungs, ich bin so müde …“ Weiter kam sie nicht, denn Tom unterbrach sie: „Dann leg dich hin, wir gehen wieder nach oben. Du weißt wo du uns findest?“ Klara nickte einfach, obwohl sie es ganz und gar nicht wusste, schließlich hatte sie bisher nur das Wohnzimmer, das Bad und das Klo von innen gesehen. Aber das war ihr im Moment so ziemlich egal, sie wollte einfach nur schlafen und diese Kopfschmerzen loswerden, die ihr das Gefühl gaben ihr Kopf könnte jederzeit implodieren.

Am nächsten Morgen wurde Klara mit einem Stupser an ihre Schulter, vier haselnussbraunen Augen und zwei grinsenden Gesichtern geweckt. „Guten Morgen“, sagte Bill und reichte ihr ein Frühstückstablett. „N Morgen“, nuschelte Klara und rieb sich die Augen. „Oh“, machte sie überrascht, als sie sich das Tablett genauer ansah. Da waren Spiegeleier, Toastbrote mit verschiedenen Belagen, ein Salat, ein Glas Nutella (sie fragte sich warum das da noch draufstand), Besteck und ein paar Dosen Red Bull. „Wow, danke Jungs, sieht lecker aus.“, sagte Klara unsicher, wobei sie jedoch die Brote kritisch musterte, dessen Belage sie nicht wirklich identifizieren konnte. „Ähm…was isn da drauf?“, fragte sie und deutete auf eins, das aussah, als wäre es bereits gegessen worden. „Leberwurst, Kräuterkäse und Nutella“, sagte Tom freudig. „Haben wir selbst gemacht“, fügte Bill hinzu. Ja, so sieht’s auch aus, dachte Klara und verzog das Gesicht, lächelte jedoch gleich wieder, als Bill und Tom sie abwartend ansahen. „Na denn“, sagte sie und in ihrem Kopf schaufelte sie schon mal ein Grab für ihre Geschmacksnerven, die hinterher garantiert nicht mehr am Leben sein würden, „dann hau ich mal rein“ Sie nahm sich das Leberwurst-Kräuterkäse-Nutella-Brot und führte es zum Mund. Zuerst zögerte sie ein bisschen, dann kniff sie ihre Augen zu, dachte sich ,Augen zu und durch´ und nahm einen Bissen. Und es schmeckte tatsächlich wie schon mal ausgekotzt und Klara bekam merkwürdigerweise wieder diesen Brechreiz von vorhin. „Hmm, schmeckt wirklich sehr“, scheiße, beendete sie den Satz in Gedanken, „lecker“, sagte sie laut. Sie kaute so schnell wie möglich, hatte aber große Mühe es herunterzuschlucken. Nach 15 Minuten hatte sie es dann doch geschafft und nahm große Schlucke von einer der Red Bull Dosen, um den fiesen Nachgeschmack loszuwerden. „Noch mehr?“, fragte Bill. Klara schüttelte heftig den Kopf und dachte ,nur über meine Leiche´. „Aber die Red Bull Dosen könnt ihr hier lassen“, sagte sie und nahm sich gleich alle. Tom brachte schon mal das Tablett zurück in die Küche, während Bill und Klara sich ein wenig unterhielten. „Also“, fing Bill ernsthaft an und machte mit einem ´zisch´ die Red Bull Dose auf, die er sich genommen hatte, „was ist gestern Abend wirklich passiert?“ Klara sah auf den Boden. Sollte sie ihm die Wahrheit erzählen? Sie schaute in seine so wunderschönen braunen Augen. Sie wirkten geheimnisvoll. Und vertrauensvoll. Sie entschloss sich – auch wenn es ihr sehr schwer viel – ihm die Wahrheit zu sagen.

 

Kapitel 6

„Oh mein Gott“, sagte Bill leise und strich Klara sanft über den Rücken. Inzwischen war auch Tom da, und sie saßen nebeneinander, Klara in der Mitte. Ja, sie hatte erzählt. Alles. Von Anfang bis Ende. Als sie bei dem Punkt angelangt war, wo sie erzählte, dass ihr Vater sie vergewaltigt hat, kamen ihr die Tränen, sie fing hemmungslos an zu weinen und Bill musste sie in den Arm nehmen. Sie brauchte hinterher eine Weile bis sie sich beruhigt hatte. Tom hatte bisher geschwiegen und sie traurig angesehen. Nun stand er auf, ging in die Küche und brachte drei Gläser Wasser ins Wohnzimmer. Wenn er gewusst hätte, was mit Klara passiert war, dann hätte er sie bestimmt nicht alleine gelassen, als er sie mit Bill besucht hatte. Er hatte doch geahnt, das da was nicht stimmte! Wieso hörte er bloß immer auf seinen Kopf? Bill war da ganz anders, er verließ sich lieber auf sein Bauchgefühl… allerdings war das auch nicht immer das Beste, was man tun konnte... „Und… was willst du jetzt tun? Du musst doch die Polizei rufen oder so.“, sagte Tom mit brüchiger Stimme, während Klara an ihrem Glas Wasser nippte und sich verschluckte. „Bist du verrückt?!“, sagte sie schockiert, als sie sich wieder beruhigt hatte. „I…ich kann das doch nicht der Polizei melden, du ahnst nicht, was er dann mit mir machen würde! Du würdest mich nie wieder lebendig sehen!“ Tom sah sie mit großen Augen an. Was hatte sie nur für ein Unglück, dachte er. Ausgerechnet Klara, die wunderschöne Klara… Er seufzte. Bill seufzte. Klara seufzte. Es tat ihr gut, dass sie es jemanden erzählt hatte. „Aber ihr müsst mir eins unbedingt versprechen“, sagte sie noch, „ihr dürft es keinem sagen! Keinem! Weder eurer Mutter, noch eurem Vater, noch sonst wem, kapiert?“ „Aber…“, setzte Bill verzweifelt an. Er wollte ihr doch helfen. „Nein“, unterbrach sie ihn und wischte sich die Tränen aus den Augen, „ihr dürft es keinem sagen! Sonst… sonst… seht ihr mich nie wieder!“, schluchzte sie, sank in Bills Arme und krallte sich an ihm fest. Er hielt sie und drückte sie ganz fest. Er wollte nicht, dass sie weinte, es schmerzte ihn. Klara fühlte sich so wohl und geborgen bei ihm. Sie wusste: er würde ihr gewiss nie wehtun. „Und… wie lange geht das schon so?“, fragte Tom, der erst später dazugekommen war. „Seit ein paar Jahren“, antwortete Klara leise, „als meine Mum noch lebte, hat er es immer heimlich gemacht…“ Ihre Stimme erstarb und sie senkte den Blick. Dann merkte sie, dass sie ja immer noch in Bills Armen lag. Er machte jedoch keine Anstalten, sie loszulassen, also machte es ihr auch nichts aus.

Soll ich sie loslassen?, fragte sich Bill und sah vorsichtig zu Klara. Sie lag ganz ruhig da, atmete flach. Sie schloss die Augen und atmete einmal tief durch. Plötzlich merkte sie eine Hand auf ihrem Rücken. Sie machte die Augen wieder auf und sah, dass die Hand Bill gehörte. Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht.

So ein Idiot!, dachte Tom, als er sah, wie Bill und Klara sich anhimmelten. Der weiß doch ganz genau, dass ich in sie verknallt bin. Und was macht er? Er schmachtet sie an, als wäre sie die einzige Frau auf der Welt! Naja, zugegeben, sie ist wirklich wunderschön… aber deshalb muss er sich doch nicht gleich an sie ranmachen. Immerhin hab ich sie zuerst gesehen! Dieser… dieser… - Moment mal!, brachte sich Tom zur Ruhe, er ist mein Bruder, es gab noch nie Streit wegen eines Mädchens. Und ich denke, bei ihm ist es sowieso mehr als bei mir…

„Ich wird dann mal duschen gehen“, murmelte Klara und machte sich auf den Weg ins Bad. Besser gesagt – sie versuchte es. Denn als sie aufstand, wurde ihr plötzlich schwindlig und sie wäre fast umgekippt, hätte Bill nicht so schnell reagiert und sie festgehalten. „Komm, ich helf dir“, sagte er leise und Klara sah ihn dankbar an. An der Badezimmertür ließ Bill Klara los und fragte: „Geht’s?“ Klara wackelte noch ein bisschen, aber als sie wieder grade stand nickte sie. Dann ging sie ins Bad und schloss die Tür hinter sich ab. Sie duschte, trocknete sich ab und zog sich wieder an. Zähne putzen oder Schminken konnte sie ja nicht. Dann merkte sie auf einmal, dass ihr Handy in ihrer Hosentasche vibrierte. Sie holte es raus und sah auf den Display. Es war ihre Tante Petra. „Hallo Tante Petra“, sagte Klara gespielt glücklich in das Handy. Ihre Tante Petra wusste nichts von dem, was ihr Vater ihr antat – und das war auch gut so… „Hallo Schätzchen“, erwiderte Petra traurig und Klara wusste sofort, dass etwas nicht stimme. „Was ist los?“ „Schatz ich… ich muss etwas sagen“, fing Petra an und schluckte, „also, es geht um deinen Cousin Patrick. Er… er war auf den Weg zum Bus, weil… weil er dich besuchen wollte und… und da kam ein Auto und… und... naja… er… er ist… tot.“

 

Kapitel 7

Tot. Tot, tot, tot. Dieses Wort hallte immer und immer wieder in Klaras Kopf. Zuerst ganz, ganz leise, dann immer lauter, bis es schließlich unerträglich war. Klara stiegen – wie so oft an diesem Morgen – Tränen in die Augen, sie hockte sich auf den Boden und presste sich die Hände auf die Ohren. Ihr Handy hatte sie fallen gelassen, es war in seine Einzelteile zersprungen. Und dabei waren diese neuen Klapphandys doch angeblich „unkaputtbar“… aber wie so vieles im Leben stimmte wohl auch dies nicht… Tot. Dieses Wort zerstörte so vieles in Klaras Leben. Beinahe alles, was sie mit ihrem Cousin in Verbindung brachte. Es spielten sich vor ihren Augen Bilder ab. Bilder von ihr und ihrem Cousin. Da war eins, wo sie auf dem Spielplatz waren, bewarfen sich gegenseitig mit Sand und irgendwann bekam Patrick eine Ladung in den Mund, und er hustete herzzerreißend. Diese Bilder quälten Klara bis aufs Letzte. „Neeeiiiin!“ Schließlich hielt sie es nicht mehr aus, und schrie. Schrie einfach nur so laut und lange wie sie konnte. Kurz darauf nahm sie Klopfen und Rufe von der Tür war, hörte jedoch nicht darauf. „Klara? Klara, los, mach auf!“, rief Bill und hämmerte mit den Fäusten gegen die Tür. „Hallo? Klara! Was hast du denn? Ist dir was passiert?“, rief nun Tom, der seinen Bruder zur Seite geschubst hatte. Klara schüttelte den Kopf. Nein, sie wollte nicht die Tür öffnen, sie wollte mit niemandem reden, sie wollte allein sein. Sie wollte vergessen, einfach nur vergessen… sie wollte… sie wollte nicht mehr leben. Ihr Cousin war ihre einzige Zuflucht gewesen, und nun ließ er sie einfach so alleine, alleine auf dieser grausamen Welt. Sie wollte vergessen, einfach nur vergessen… Plötzlich wurde die Badezimmertür aufgestoßen und einem ´wumm´ und einem Schrei stolperten Bill und Tom ins Zimmer. „Klara!“ Klara schaute auf und sah in das Gesicht von Bill. Er lag direkt vor ihr und Tom halb auf ihm. Klara schloss gequält die Augen. Bill schmiss Tom mit einem „verpiss dich!“, von sich runter und kroch zu Klara. „Hey, wasn los?“ „Ach… nix“, schniefte Klara, wobei ihr jedoch weitere Tränen aus den Augen kullerten. „Pscht“, machte Bill und legte einen Arm um sie. Klara ließ sich von ihm sanft hin- und herzuwiegen. Im Moment war ihr so ziemlich alles egal. Warum ausgerechnet er, fragte sie sich, er war doch erst 14… Tom sagte irgendwas, aber sie verstand es nicht richtig, seine Stimme war so weit weg…

Als Klara das nächste Mal aufwachte, war das Wohnzimmer – Bill und Tom mussten sie wieder hergebracht haben – hell erleuchtet. Sie blinzelte ein paar Mal, um sich an das Licht zu gewöhnen und richtete sich dann auf. Sie sah sich kurz um, schlug dann die Decke zurück, stand auf und tapste zur Tür. Sie öffnete diese und ging in den Flur. ´Super´, dachte Klara niedergeschlagen, ´keiner hier, ich allein in einer fremden Wohnung. Und was mach ich jetzt? ´ Sie beschloss, sich auf die Suche nach der Küche zu begeben und sich was zu essen und was zu trinken zu machen. Sie ging nach links, da sie wusste, dass rechts das Bad war. Die erste Tür. Sie öffnete sie und fand das Schlafzimmer der Eltern. Als sie die zweite Tür öffnete, fand sie ein Büro. Erst bei der dritten Tür fand sie, was sie suchte. Die Küche war riesig und sauber. Nach Klaras Geschmack etwas zu sauber. Der Fußboden bestand komplett aus weißen Fliesen, die Wände waren in einem angenehmen Gelb-Ton gestrichen. Mitten in dem Raum stand ein großer Tisch aus dunkelbraunem Holz mit ein paar Stühlen dran. Sie steuerte auf den Kühlschrank zu, öffnete die Tür und bekam sofort große Augen. Wie voll der war… da war alles Mögliche drin… Käse in verschiedenen Arten, Wurst und überhaupt so viel, da wusste Klara gar nicht, für was sie sich entscheiden sollte. Bei ihr zu Hause war der Kühlschrank immer fast leer, es waren allerhöchstens ein paar Getränke und ein paar alte Brotaufstriche drin. ´Kein Wunder, dass ich so dünn bin´, überlegte Klara und sah an sich herunter ´ich esse ja kaum was´. Na, das würde sich wohl ändern, grinste Klara in sich hinein. Sie nahm sich von dem dunklen Mischbrot, das sie im Schrank fand, zwei Scheiben, auf die sie sich Leberwurst und Kräuterkäse schmierte. Sie nahm sich ein Brett, packte die Brote darauf und marschierte damit ins Wohnzimmer zurück. Sie aß die Brote auf, brachte das Brett in die Küche, wusch es ab und ging ins Badezimmer. Dort entdeckte sie die Überreste von ihrem Handy, die sie traurig betrachtete und dann in den Müll verfrachtete. Als sie wieder im Wohnzimmer saß, dachte sie nach. Darüber, was sie jetzt tun sollte. Darüber, dass Die wichtigste Person in ihrem Leben gestorben war. Sie stützte den Kopf auf ihre Hände. Sie wollte ihre Tante Petra anrufen, hatte bis jetzt jedoch kein Telefon gesehen. Und wenn, dann hätte es ihr eh nichts genützt. Sie hatte die Nummer nicht im Kopf. Ihr Vater hatte bestimmt schon versucht, sie auf ihrem Handy anzurufen. Klara seufzte. Ihr Vater. Sie musste irgendwann wieder nach Hause, doch sie wollte nicht. Aber sonst würde er womöglich noch die Polizei rufen… und dann gelte sie als vermisst, würde gesucht. Wenn sie gefunden werden würde, brächte die Polizei sie nach Hause. Ihr Vater wäre der netteste und sorgenvollste Mensch auf der Welt, er hätte sie ja solche Sorgen um seine kleine Tochter gemacht. Die Polizei würde gehen und keine 5 Minuten später hätte sie wieder ein blaues Auge… Stimmen im Flur schreckten sie aus ihren Gedanken. Sie hörte angestrengt hin. Wenn das jetzt die Eltern von Bill und Tom waren? Die würden sie doch bestimmt sofort aus der Wohnung werfen. Klara erkannte die Stimme von Bill. Dann war da noch eine, eine weibliche. Bill schien ihr gerade etwas zu erklären. Es fiel Klaras Name, dann das Wohnzimmer und schon ging die Türe auf. „Ja“, sagte Bill und stockte. Seine Mutter hatte ihn gefragt, ob es das nette Mädchen von der Musikschule sei. „Hallo Klara“, sagte Simone und lächelte, „du kennst mich doch noch, oder?“ Klara nickte und brachte ebenfalls ein Lächeln zustande. „Wie geht es dir?“, fragte Simone und setzte sich neben ihr. „Ähm…“, machte Klara und sah Bill unsicher an. Er schüttelte leicht den Kopf, um ihr zu deuten, dass er dicht gehalten hatte. „Gut, gut, und selbst?“, erwiderte Klara. „Auch gut“, antwortete Simone und streckte sich genüsslich, „ich und mein Mann Gordon sind grad von einer Geschäftsreise zurückgekommen. Haben dich die Jungs denn auch gut behandelt?“ „Jap“, sagte Klara und nickte. Simones Lächeln wurde zu einem Grinsen und sie meinte: „Sicher? Die beiden haben schon so ziemliches mit anderen Mädchen angestellt, wenn du weißt, was ich meine.“ „Mum!“, rief Bill entrüstet von der Tür aus. „Ist doch so!“, grinste Simone. „Komm Klara“, meinte Bill und streckte seiner Mutter frech die Zunge raus, „lass uns in mein Zimmer gehen.“ Klara erhob sich und ging mit Bill die Treppe hoch.

 

Kapitel 8

Als sie in Bills Zimmer angekommen waren, setzten sie sich auf sein Bett. Stille. Klara schaute sich im Zimmer um. Da stand ein großer Schreibtisch, ein paar Regale, ein bett und ein Nachttisch. Die Wände waren blau gestrichen. Eben nichts Besonderes. Bill räusperte sich. Er beobachtete, wie Klara sich in seinem Zimmer umsah. Eine blonde Strähne fiel ihr ins Gesicht und sie strich sie wieder hinters Ohr. ´Sie ist wirklich süß´, dachte Bill und beobachtete sie weiterhin wie sie sich interessiert in seinem Zimmer umsah. Er rutschte etwas näher an sie heran, legte einen Arm um sie und sagte leise: „Was ist denn gestern im Bad passiert?“ Klara senkte den Blick, holte tief Luft und erzählte: „Ich hab einen Anruf von meiner Tante bekommen. Er wollte mich heute besuchen kommen.“, sie holte noch mal tief Luft und wieder bahnten sch Tränen den Weg aus ihren Augen, „Er… er war auf dem Weg zur Bushaltestelle. Dann kam ein Auto und… und…“ Weiter kam sie nicht, sie konnte und wollte nichts mehr sagen. „Tut mir leid“, flüsterte Bill. „Er war der einzige, der es wusste“, flüsterte Klara zurück, immer noch mit gesenktem Blick. Wieder schwiegen sie beide. Klara sah auf ihre Hände, Bill starrte an die Wand. Es musste sehr schlimm sein, wenn die anscheinend wichtigste Person in seinem Leben stirbt. Vor allem, wenn man mit dieser Person ein so schreckliches Geheimnis teilte. „Wie wär’s, wenn wir… äh... was trinken?“, schlug Bill vor. Diese Stille war ihm unangenehm. Außerdem wollte er sie ablenken, er wollte nicht, dass sie traurig war. Klara nickte leicht, er stand auf und ging in die Küche. Als er unten war, ging er noch kurz zu seiner Mutter. „Na“ „Na“, erwiderte Simone und grinste dreckig, „und? Läuft da was zwischen euch?“ Bill streckte ihr die Zunge raus und zuckte mit den Schultern. Dann ging er zum Sofa und setzte sich neben sie.

Klara wischte sich die Tränen aus den Augen und zwang sich, ruhig zu bleiben. Es half. Sie sah zu dem Schreibtisch und entdeckte ein kleines schwarzes Büchlein. Langsam stand sie auf und ging hin. So ein kleines Büchlein hatte sie auch, da schrieb sie all ihr Leid rein, was sie von ihrem Vater erfuhr. Sie wusste, dass man dies eigentlich nicht tun sollte, machte es aber trotzdem. Sie öffnete das Buch. Auf der ersten Seite stand:

Dieses Telefonbuch gehört: Tom Kaulitz

Uninteressiert blätterte sie weiter. Dort standen ein Haufen Mädchennamen, deren Telefonnummern und noch andere Ziffern. So einer war der Tom also… Hoffentlich ist Bill nicht auch so, dachte sie. Klara legte das Büchlein wieder weg und sah auf die Wanduhr in Bills Zimmer. Wo blieb er nur so lange? Sie beschloss, nach unten zu gehen und nach ihm zu schauen. Unten angekommen, hörte sie seine Stimme. Jedoch kam sie nicht aus der Küche, sondern aus dem Wohnzimmer. Sie näherte sich langsam dem Wohnzimmer und hörte wie Simone fragte: „Und was hältst du von ihr?“ „Naja“, erwiderte Bill, „sie ist… süß.“ „Nur süß?“, hakte Simone nach. Bill zuckte die Schultern. Simone sah ihn an und meinte: „Ach komm schon. Da ist doch mehr.“ Bill gab sich geschlagen. „Ja, gut ok, du hast gewonnen. Aber… ich weiß nicht… was ist, wenn sie mich nicht mag?“, fragte er. „Sie mag dich, keine Angst. Hat man doch gesehen, so wie sie dich angeschaut hat.“ Klara wurde rot. Hatte man das tatsächlich so sehr gemerkt? „Sicher?“, fragte Bill zweifelnd. Simone nickte und Bill erhob sich. Klara rannte so schnell sie konnte die Treppe rauf und in sein Zimmer. Bill ging in die Küche und nahm zwei Red Bull Dosen aus dem Kühlschrank. Hatte seine Mutter Recht? Wenn ja, vielleicht sollte er dann wirklich… Nein, dachte er und nahm die erste Stufe zur Treppe. Vor seiner Zimmertür angekommen, holte er tief Luft. Ja, er würde es tun, auch wenn es vielleicht nicht gerade wirklich der beste Zeitpunkt war. Er machte die Tür auf und sah, dass Klara immer noch auf dem Bett saß. „Hier“, sagte Bill und reichte ihr eine der Dosen. „Danke“, sagte Klara, öffnete die Dose und trank einen Schluck. Bill setzte sich wieder neben sie auf das Bett und sah sie nervös von der Seite an. Er räusperte sich und gab sich einen Ruck. „Ähm…“ Klara sah ihn fragend an. Ihr Herz pochte, sie war ein bisschen nervös. Sie glaubte zu wissen, was jetzt kommt. „Du Klara“, fing Bill an, „i-ich muss dir was sagen. Also, ähm, ich… wie soll ich sagen, ich… also… ich glaub…“ „Nun sag schon“, flüsterte Klara und sah ihm tief in die Augen. Bill kam ihr langsam mit dem Gesicht näher. Dann spürte er ihre Lippen auf seinen. Sie waren ganz weich. Sie küssten sich. Ein Glückshormon tat in Bill seine Lieblingstätigkeit: es strömte Freude in ihm aus. Klara jedoch war sich nicht sicher, ob sie glücklich sein sollte oder nicht. Es lag allerdings nicht an Bill, nein, er war wirklich sehr süß und nett. Sie öffnete die Augen und drückte ihn sanft von sich weg. Er sah sie an und fragte: „Was ist?“ „I-ich… ich weiß nicht“, sagte Klara, stand auf und lief im Raum auf und ab, „ich kenn dich doch gar nicht.“ „Dann lernst du mich halt kennen“, zuckte Bill mit den Schultern. „Außerdem hab ich mir geschworen nie wieder was mit nem Jungen anzufangen“, fuhr sie unbeirrt fort. Bill bekam große Augen und fragte: „Wieso das denn?“ „Weil ihr Jungs doch alle gleich seid! Ihr sucht euch ne Freundin, spielt der die große Liebe vor und vögelt hinter ihrem Rücken mit ner anderen rum!“ „Du meinst, dass also alle Jungs ihrer Freundin fremd gehen“, erwiderte Bill mit sarkastischem Unterton. Klara nickte knapp. „Nicht alle Jungs sind so“, sagte er. „Nur ein paar“, fügte er hinzu, mit dem Gedanken bei seinem Bruder. „Unter anderem dein Bruder?“, fragte Klara mit hochgezogenen Augenbrauen. „Jaah“, sagte Bill, „aber er ist anders als ich. Wir sind zwar Zwillinge aber – „ „Siehst du“, unterbrach Klara, „genau deshalb, ihr seid Zwillinge.“ Nun reichte es Bill aber. „Boah, das ist nur ein Vorurteil. Es mag vielleicht Zwillinge geben, die wirklich alles gemeinsam haben. Aber ganz bestimmt nicht ich und Tom. Wir sind grundverschieden. Schau dir nur an, wie er rum läuft. Und wie ich rum laufe.“ Klara dachte nach. In gewissermaßen hatte er ja Recht. Das wusste sie auch, nur wollte sie es sich nicht eingestehen. Letztendlich, dachte sie, könnte man es ja mal versuchen. Das sagte sie auch Bill. Er strahlte sie an. „Also… sind wir jetzt zusammen?“, fragte er vorsichtig. Klara nickte und lächelte leicht. Dann ging sie auf ihn zu und küsste ihn.

 

Kapitel 9

„Super“, sagte Tom. Bill und Klara hatten ihm gerade von ihrem Glück erzählt. Er wusste nicht recht, ob er sich für sie freuen wollte, aber eigentlich konnte es ihm ja egal sein, er wollte sowieso nur das eine, das wusste er. Und wer weiß, dachte er, vielleicht krieg ich sie ja doch noch rum… Bill strahlte die ganze Zeit wie ein Honigkuchenpferd, und auch Klara war glücklich. Warum, wusste sie nicht, aber sie war glücklich, so lange sie nicht zurück nach Hause musste. Zu Hause… Klara seufzte. „Was ist?“, fragte Bill. „Ich hab grad an zu Hause gedacht“, sagte Klara bedrückt, „und daran, dass ich bald wieder zurück muss.“ Bill sah sie mitleidig an. Er konnte sich vorstellen, dass sie nicht nach Hause wollte. „Wann willst du denn zurück?“ „Am liebsten gar nicht“, erwiderte Klara, „aber, ich werd wohl heut Abend irgendwann gehen.“ „Okay“, nickte Bill, „soll ich dich begleiten?“ Klara schüttelte widerwillig den Kopf. Es war so süß von ihm, und sie wollte unbedingt, dass er mitkam, aber es ging nicht. Wegen ihrem Vater, es war schon gefährlich genug, dass sie überhaupt hinging, da wollte sie nicht auch nicht Bill in Gefahr bringen. „Was machen wir jetzt?“, fragte Tom um die Stille, die eingetreten war, zu unterbrechen. Klara und Bill zuckten mit den Schultern. „Nach Magdeburg an die Strandbar fahren?“, schlug Bill vor. „Haha“, gab Klara sarkastisch zur Antwort und deutete auf ihre beiden Wangen, wo sich zwei dicke blaue Flecken gebildet hatten. „Oh, okay, das können wir dann auch vergessen“, seufzte Bill. Nun saßen sie alle da und starrten in die Leere. „Aber ich hab n Date“, grinste Tom und stand auf. „Verschone das arme Mädel von deinem Macho-Gehabe, ja?“, rief Bill ihm nach und schon hörte man die Haustür knallen. „Und was machen wir jetzt?“, wandte er sich an Klara. „Hm…“, machte sie und grinste dann, „ich glaub…ich hab da so ne Idee…“ Sie kam ihm mit ihrem Gesicht näher und küsste ihn. Sie war sich inzwischen sicher, dass sie ihn liebte. Woher sie das so genau wusste? Sie hatte keine Ahnung, aber das zählte im Moment auch gar nicht für sie, sondern nur dieser Augenblick. Bill legte sich langsam auf sein Bett, sie setzte sich auf ihn. Sie küsste ihn am Hals, er fuhr mit seiner Hand unter ihr Top über ihren Rücken. Sie legte sich neben ihn und kuschelte ihren Kopf an seine Schulter. „Wieso bleibst du nicht einfach hier?“, fragte Bill leise. „Geht nicht“, flüsterte Klara zurück. „Wieso nicht? Bei deinem Vater bist du eh nur unglücklich, warum sollt du dann nicht da bleiben, wo du glücklich bist?“, fragte Bill aufgebracht. „Weil…es geht halt einfach nicht, ich kann nicht einfach abhauen“, erwiderte Klara heftig und richtete sich auf. „Hey, schon gut, ich…“, Bill schluckte und sah seine Freundin traurig an, „ich wollte dir nur helfen.“ Klara nickte: „Ich weiß, aber es geht nicht. Tut mir leid…“ „Schon gut“, sage Bill und nahm sie kurz in den Arm. „Wie spät ist es?“, fragte Klara, als sie sich wieder lösten. „21.o4 Uhr“, gab Bill zur Antwort. „Was?“, schockiert sprang Klara auf, „Ich muss los! Mein Vater wird bald zu Hause sein, und wenn ich dann nicht da bin, dann…dann…“ „Hey, ganz ruhig“, versuchte Bill Klara zur Ruhe zu bringen, „ich bring dich noch nach unten, dann ziehst du dir Schuhe von meiner Mum an, nimmst deine Hausschuhe mit und gehst, okay?“ Klara nickte und sie gingen nach unten, wo Bill ihr ein Paar Schuhe von seiner Mutter gab. Klara bedankte sich bei ihm, gab ihm einen langen Kuss und machte sich dann auf den Weg. Sie lief die Straße entlang und dachte ´hoffentlich ist er nicht da, bitte lass ihn nicht da sein´. Ganz in Gedanken versunken überquerte sie die Straße zu ihrem Haus, hörte das Auto nicht. Sie drehte sich mit aufgerissenen Augen nach rechts, hörte quietschende Autoreifen und sprang zur Seite. Sie spürte wie sie auf den harten Asphalt aufschlug und nahm ein dumpfes Geräusch wahr, als wenn Metall auf Holz treffen würde. Klara öffnete die Augen, richtete sich auf und suchte nach dem Auto. Sie sah einen Trümmerhaufen aus Metall und Gummirädern an einem Baum, nicht weit von ihr. Sie stand auf und ging zu dem Auto hin. Wer darin saß, konnte sie nicht erkennen, doch sie musste irgendwie Hilfe holen, also schrie sie die ganze Nachbarschaft wach. „Hilfe! Hilfe! Notruf, Polizei, was auch immer!“ Nacheinander gingen Haus für Haus die Lichter an und Leute schauten aus ihren Fenstern. Dann kam eine Frau aus ihrem Haus, mit dem Telefon in der Hand. Sie telefonierte mit der Polizei. Als sie aufgelegt hatte, sprach sie Klara an. „Kindchen, was ist passiert?“ „Ich…ich weiß nicht, da kam plötzlich dieses Auto“, stammelte Klara, „ich bin…gesprungen, zur Seite, dann hab ich um Hilfe gerufen.“ 5 Minuten später trafen die Polizei und der Krankenwagen ein. Sie befreiten die Person kompliziert aus dem Auto und verfrachteten sie auf eine Trage. Klara rannte zu der Trage. Sie wollte sehen, wer es war. Die Ärzte traten zur Seite und ließen Klara sehen. Sobald Klara die Person sah, stand sie stocksteif da. Sie war wie gelähmt. Wie in Trance verfolgte sie, wie die Trage in den Krankenwagen geschoben wurde.

 

Kapitel 10

Piep, piep, piep. Klara wurde von einem gleichmäßigen Piepen geweckt. Müde schlug sie die Augen auf. ´Wo bin ich? ´ schoss es ihr durch den Kopf. Sie sah auf eine weiße Decke. Langsam bewegte sie den Kopf in die rechte Richtung, aus der das Piepen kam. Krankenhaus. Sie war im Krankenhaus. Krankenhaus? Klara bekam Panik. Als kleines Kind hatte sie schon Angst vor Krankenhäusern gehabt. Sie wollte hier weg. Dass das Piepen immer schneller wurde, half ihr auch nicht. Schließlich kam eine besorgte Ärztin ins Zimmer. „Ich will hier weg!“, sagte Klara und wollte aufstehen, doch die Ärztin drückte sie mit sanfter Gewalt wieder nach unten. „Ganz ruhig“, sagte sie. „Nein, ich bleib nicht ruhig!“, schrie Klara jetzt fast voller Panik, „Ich will hier weg! Lassen sie mich los!“ Plötzlich hörte sie aufgeregte Stimmen vor der Tür. Eine davon kannte sie nur zu gut. „Bill!“, rief sie, „Bill, hol mich hier raus!“ Und schon flog die Tür auf und Bill kam hereingestürmt, im Schlepptau seine Eltern und seinen Bruder. Bill ging auf Klara zu und nahm sie in den Arm. Sie vergrub ihr Gesicht in seiner Brust. „Psst“, machte Bill, „Was ist denn?“ „Ich will hier weg“, flüsterte Klara, „ich hab Angst.“ „Du zitterst ja“, merkte Bill und ließ sie los. Klara sank langsam zurück in ihr Kissen. „Du musst erstmal eine Weile hier bleiben, Klara“, sagte die Ärztin. „Wer sagt das?“, gab Klara zurück. „Ich“, sagte eine Stimme von der Tür her. Alle wandten sich um. In der Tür stand der Chefarzt. „Warum denn, mir geht’s doch gut“, erwiderte Klara trotzig. Der Chefarzt schüttelte den Kopf. „Jetzt im Moment vielleicht, abergleich nicht mehr“, sagte er traurig. Klara sah ihn mit großen, fragenden Augen an. Kurz darauf kam die Nachbarin, die die Polizei gerufen hatte. „Hallo Klara“, sagte sie. „Hallo“, erwiderte Klara. „Ich bin Frau Müller, ich wohne neben dir“ Klara nickte. „Ich weiß. Warum sind sie hier, was ist denn los?“ „Nun ja…“, Frau Müller schien sich einen Ruck geben zu müssen und räusperte sich, „es geht um deinen Vater. Wie du ja gesehen hast, war er die Person in dem Auto, dass dich beinahe angefahren hätte.“ Wieder nickte Klara. Frau Müller fuhr fort: „Die Ärzte haben alles versucht, aber…es tut mir leid, er ist tot.“ Da war es schon wieder, dieses Wort. Tot. Klara starrte geradeaus. Bill bekam leichte Panik. Sie hatte wieder dieses klare in den Augen, wie an dem Abend, als sie ihm über den Weg gelaufen war. Der Chefarzt schickte alle aus dem Zimmer, Klara brauchte Ruhe. Bill jedoch beharrte darauf, bei ihr zu bleiben. Der Arzt ließ ihn gewähren, da er wusste, dass sie ihn bei sich haben wollte – er hätte sowieso keine Chance gegen so einen Sturkopf gehabt. Klara wartete darauf, dass ihr Tränen aus den Augen liefen. Aber es kam nichts. Stattdessen war da ein kaltes leeres Gefühl. Sie wusste nicht warum, aber es kamen einfach keine Tränen. Sie stellte sich vor, wie ihr Vater da auf der Trage lag, mit all dem Blut. Es half nicht. Eine plötzliche Ahnung ließ Klara einen Schauer über den Rücken laufen. Liebte sie ihren Vater überhaupt? Bill hatte sich einen Stuhl geholt und sich zu Klara an ihr Bett gesetzt. Er hielt ihre hand ganz fest, als ob er fürchtete, sie könnte auf der Stelle tot umfallen, wenn er sie loslassen würde.

„Au!“ Bill schreckte hoch und sah sich benommen um. Offensichtlich war er eingeschlafen. Allerdings hatte er Klaras Hand nicht losgelassen, ganz im Gegenteil, er hatte sogar noch fester zugedrückt. Inzwischen sogar so doll, dass es Klara wehtat, die aufgeschrieen hatte. „Bill, lass los, du tust mir weh“, wimmerte sie jetzt. Auf der Stelle ließ er sie los. Klara zog ihre Hand zurück und rieb sie sich. Sie war ganz rot und brannte. „Na, du musst mich ja lieben“, sagte Klara sarkastisch, „wenn du mich schon um eine Hand weniger bringen willst.“ „Tut mir leid, wollt ich nicht“, erwiderte Bill und brachte ihr schnell eine Schüssel kaltes Wasser. „Schon gut“, sagte Klara und biss sich auf die Zähne, als sie die Hand in die Schüssel tunkte, „wie spät ist es?“ Bill sah auf seine Armbanduhr: „Kurz vor 8.“ Klara stöhnte auf. „Was? So früh? Na toll.“ In dem Moment kam eine Ärztin ins Zimmer, mit einem Frühstückstablett in den Händen. „Ich hab keinen Hunger“, sagte Klara prompt und wich demonstrativ von der Ärztin weg. „Aber Kind“, sagte sie, „du musst was essen.“ Bill nickte: „Ja, du musst was essen.“ „Ich will aber nichts essen!“, giftete Klara, „Nicht diesen Krankenhausfraß!“ Die Ärztin beäugte Klara und sagte mit kalter Stimme: „Tja, da musst du wohl hungern, denn was anderes als diesen ´Krankenhausfraß´ gibt’s hier nicht.“ „Dann hungere ich mich halt zu Tode!“, rief Klara der Frau nach, bevor diese die Tür zuschlug. Bill schüttelte nur den kopf und sah Klara an. „Was denn?“, fragte sie barsch. „Klara“, sagte Bill sanft, „du musst was essen.“ „Pah“, machte Klara, „ess du es doch, wenn du willst, ich jedenfalls tus nicht!“ „Nee, du hast ja recht“, gab Bill klein bei, „es sieht wirklich wie schon mal ausgekotzt aus.“ Mit spitzen Fingern nahm er das Tablett von seiner Freundin runter und stellte es auf den Tisch, der neben ihrem Bett stand. Klara setzte sich inzwischen aufrecht hin. „Und willst du immer noch hier weg?“, fragte Bill, als er sich auf das bett zu Klara gesetzt hatte. Sie zuckte mit den Schultern. „Eigentlich ja, aber…wo soll ich denn dann hin? Ich mein, ich kann ja schlecht in der Wohnung alleine wohnen. Dann doch lieber hier.“ „Aber du kannst nicht dein ganzes Leben hier verbringen.“ „Ach. Aber, was soll ich denn jetzt machen, mein Vater ist tot, meine Mutter auch…ich hab praktisch keine Verwandten, und meine Tante wohnt zu weit weg, da will ich nicht hin.“ „Ach süße“, seufzte Bill, „wir schaffen das schon. Glaub mir.“, fügte er hinzu, als Klara ihn zweifelnd ansah.

 

Kapitel 11

In dem Moment ging die Tür auf und der Chefarzt kam mit einer unbekannten Frau ins Zimmer. „Guten Morgen“, sagte der Arzt. „Morgen“, erwiderte Klara und sah die unbekannte Frau misstrauisch an. Sie trug eine schlichte Jeans, schwarze Stöckelschuhe und ein weißes T-Shirt. In der Hand hatte sie etwas, das nach einem Aktenkoffer aussah. Der Arzt sagte: „Das ist Frau Schwarz, sie ist vom Jugendamt“ Bei Klara schrillten Alarmglocken. Jugendamt? Hatte sie irgendwas verbrochen? „Sie wird dich in ein Heim bringen“, fuhr der Arzt weiter fort, „das hier in Magdeburg ist.“, fügte er hinzu, als er Klaras erschrockenen Gesichtsausdruck sah. „Allerdings muss sie erst einen Platz für dich finden. Und da kommst du mit deiner Familie ins Spiel.“, wandte er sich an Bill, „Könntet ihr Klara für eine Weile bei euch aufnehmen, während Frau Schwarz sich nach einem guten Heim für sie umschaut?“ Bill nickte heftig. „Klar, können wir bestimmt machen.“ Der Arzt lächelte. „Sehr schön. Ich werde dann mit Frau Schwarz und deiner Tante alles abklären.“ „Moment mal“, sagte Klara, „meine Tante will mich nicht bei sich aufnehmen?“ „Nein, sie hat jetzt einen neuen Job bekommen, wo sie viel herumreist, und sie wollte dir nicht irgend so ein Kindermädchen an den Hals hängen.“ „Achso. Wann kann ich denn zu Bill?“ „Wir werden sehen, wahrscheinlich schon heute Nachmittag, wenn du willst.“ Klara nickte heftig und der Arzt und Frau Schwarz gingen. „Du…ihr wollt mich wirklich bei euch aufnehmen?“, fragte Klara schüchtern. „Natürlich, wir können dich doch nicht alleine lassen“, antwortete Bill. „Danke“, sagte Klara und schenkte ihm ein Lächeln. „Kein Problem“, winkte Bill ab. „Wieso bisten du eigentlich nicht in der Schule?“ „Na, warum wohl“, erwiderte Bill. Klara zuckte mit den Schultern. „Hätt ja sein können, dass es auch nen andren Grund gibt, außer mir.“ „Halloho“, Bill tippte ihr gegen die Stirn, „ich liebe dich, schon vergessen?“ „Nein“, lachte Klara, „wie könnte ich das vergessen?“ Sie zog ihn zu sich herunter und sie küssten sich.

„Na, was wird denn das, wenns fertig ist?“ „TOM!!“ Klara fuhr erschrocken hoch, wobei sie Bill von ihrem Bett stieß, der gleich auf den Boden plumpste. Er schrie ebenfalls laut auf, stand wieder auf und rieb sich den Hintern. „So wie es aussieht, wird das gar nix“, knurrte er und schaute seinen Bruder wutentbrannt an. Dieser sagte munter: „Och, das tut mir jetzt aber leid“, und grinste schelmisch. Bill sah ihn weiter böse an, Klara meinte jedoch: „Ach komm, das zahlen wir ihm schon noch heim“, und zwinkerte. Tom wollte gerade etwas erwidern, als wieder die Tür aufging. Es war wieder der Chefarzt. „So“, wandte er sich an Klara, „wenn du willst, kannst du jetzt zu Familie Kaulitz ziehen. Deine Sachen sind schon da.“ Klara nickte freudig und sprang von ihrem Bett. Dann schickte sie alle aus dem Zimmer, damit sie sich umziehen konnte. Als sie fertig war, ging sie zu Bill und Tom und die drei machten sich auf den Weg zum Hause Kaulitz. Dort angekommen führte Bill seine Freundin in ihr neues Zimmer. Darin standen ein Bett, ein Kleiderschrank, ein Schreibtisch und eine Kommode. Die Wände waren in einem angenehmen Orange-Ton gestrichen. „Es ist schön hier“, sagte Klara und setzte sich auf das Bett. „Mein Zimmer ist gleich rechts nebenan“, erwiderte Bill, „links ist das Gästebad und Toms Zimmer ist dir gegenüber. Das Schlafzimmer von unseren Eltern, das Wohnzimmer und die Küche ist unten, genau wie das große Badezimmer.“ „Okay“, sagte Klara und sah ihn dankbar an. „Na denn“, meinte Bill und ging langsam auf Klara zu, „ich werd dich dann mal alleine lassen, dann kannste dich in Ruhe umziehen, wennde willst.“ Er gab ihr einen Kuss und drehte sich um. „Warte“, rief Klara und umarmte ihn stürmisch. „Danke. Danke, danke, danke.“, flüsterte sie ihm ins Ohr. Bill schlang seine Arme um ihren Hals und sah sie an. „Hei, ist doch kein Problem“, sagte er leise. Er hauchte ihr noch einen Kuss auf die Wange und verschwand dann.

 

Kapitel 12

„Das ist sehr lecker“, sagte Klara und schaufelte sich noch eine Gabel Reis in den Mund. „Danke“, erwiderten Gordon und Simone gleichzeitig. Simone sah ihren Mann verwundert an. „Was hast du denn zu dem Essen beigetragen?“ „Na“, sagte Gordon, „zuerst einmal das Geld. Dann hab ich es noch gekauft.“ „Oh ja“, sagte Simone grinsend, „du bist mein Held!“ Dann flog sie ihm theatralisch in die Arme und die beiden küssten sich, woraufhin Bill und Tom die Gesichter verzogen. Klara sah betreten zur Seite. „Mum, Gordon, wir haben einen Gast“, sagte Tom angewidert. Simone und Gordon ließen von einander ab und widmeten sich wieder ihrem Essen. Als sie damit fertig waren, stellten sie alle ihre Teller und Tassen in die Spülmaschine. „Und… was machen wir jetzt?“, fragte Klara, als sie, Bill und Tom in der Küche standen. Simone und Gordon hatten sich ins Wohnzimmer verzogen. „Also“, sagte Tom, „ich weiß ja nicht, was ihr beiden macht, aber…“ „Du hast ne Verabredung“, führte Bill den Satz seines Bruders zu Ende. „Richtig“, erwiderte Tom. „Uuuh, läuft da jetzt was zwischen euch?“, zwinkerte Klara. „Du meinst zwischen mir und Sarah?““, fragte Tom und sah sie mit großen Augen an, „wie denn, ich kenn sie doch erst seit gestern.“ „Aber du warst doch letztens erst mit ihr aus, oder nicht?“ Tom schüttelte den Kopf. „Nee, das war… äh… Monika?“ Er zuckte mit den Schultern: „Naja, jedenfalls irgendwas mit M. Ich muss jetzt los, bis später.“ Dann drehte er sich um und verschwand aus der Haustür, bevor Bill und Klara ihm noch tschüss sagen konnten. „Na toll“, sagte Klara und runzelte die Stirn, „was machen wir jetzt?“ „Wir können ja nach oben in mein Zimmer gehen, schlug Bill beiläufig vor. „Du hast nicht zufällig einen bestimmten Hintergedanken, oder?“, lachte Klara. Bill sah sie schockiert an. „Ich? Also, wie kommst du denn darauf? Ich würde so was doch nie machen!!“ „Jaja“, seufzte Klara, „mein kleiner unschuldiger Freund, ne?“ „Wer ist hier klein?“, fragte Bill spielerisch. „Na du, wer sonst!“, rief Klara, wuschelte ihm durch die Haare und rannte die Treppe rauf in sein Zimmer, wo sie sich aufs Bett warf. Bill sprintete ihr hinterher, blieb allerdings im Türrahmen stehen und schnappte nach Luft. Als er so weit war, dass er nicht mehr so heftig atmete, sprang er zu Klara auf das bett und kitzelte sie ab. „Aaaaah, aufhören!“, bettelte Klara zwischen ihren Lachern, doch Bill zeigte kein erbarmen. Irgendwann allerdings ließ er – zu Klaras Erleichterung – von ihr ab. „Was hast du?“, fragte sie. Er stand da und starrte sie mit großen Augen an. Oder… sah er nicht an ihr vorbei? Klara drehte sich zu der Wand hinter ihr um und sah das Problem. Es war klein, schwarz und hatte 8 Beine. Eine kleine Spinne. Klara drehte sich wieder zu Bill und lachte. „Was denn, hast du etwa Angst vor dem kleinen Vieh?“ Bill nickte und ging einen Schritt zurück. „Ach komm schon“, sagte Klara, verdrehte die Augen und nahm die Spinne in die Hand. Als sie sich damit zu Bill umwandte erschrak er so sehr, dass er noch einen Schritt zurück stolperte. „Die ist doch so klein“, sagte Klara und hielt ihm die Hand unter die Nase. „Spinne ist Spinne“, sagte Bill trocken und drehte sein Gesicht weg. „Und bleibt auch Spinne, ich weiß“, erwiderte Klara und drehte sich um. Bill atmete erleichtert auf. Allerdings hatte er sich zu früh gefreut, denn Klara sprang mit einem Satz wieder zu ihm und machte „buh!“, wobei sie die Hände nach ihm ausstreckte. „Aaah!“ „Oh nein“, sagte Klara. Bill sah sie ängstlich an. „Was ist?“ „Die Spinne“, antwortete Klara langsam und sah ihn an. Bill bekam Panik. „D-die Spinne. Ja. W-W-Was ist damit?“ „Sie ist weg“, sagte Klara leise. „Aaaah! Wo ist sie?“, schrie Bill. „Ich…ähm….Bill“, erwiderte Klara mit dem Versuch ihn zu beruhigen, „beweg dich jetzt nicht, okay?“ „Hast du n Knall?! Das Vieh könnte überall sein! Unter mir, neben mir, auf mir –„, er stockte, als er sah, dass Klara seine rechte Schulter fixierte. „Okay“, sagte Klara mit dem Versuch ihn zu beruhigen, „du musst jetzt ganz ruhig bleiben.“ Allerdings musste sie sich wirklich zusammenreißen, nicht laut los zu lachen. „Mach das Vieh da weg! SCHNELL!“, schrie Bill hysterisch und kniff die Augen zusammen, während Klara auf ihn zu kam. Sie nahm die kleine Spinne, ging damit zum Fenster und warf sie hinaus. „Ich wusste gar nicht, dass du Angst vor Spinnen hast“, sagte sie und grinste schief. Bill atmete ein paar Mal tief durch. „Ach komm. Was willst du denn machen, wenn ich von einem Schwarm Bienen oder… Wespen angegriffen werde?“ Bill sah Klara mit großen Augen an. „Ähm….dann lauf ich hysterisch schreiend im Kreis herum?“ „Na, dann mach mal, ich lass mich währenddessen zu Tode stechen. Hei, war doch nur n Scherz.“, fügte sie hinzu, als Bill sie noch ängstlicher ansah. „Du bist doof!“, rief er nun und gab ihr eine Kopfnuss. „Ich weiß“, erwiderte Klara frech. Bill schlang einen Arm um sie und zog sie mit sich zu seinem Bett.

 

Kapitel 13

Sie setzten sich auf das Bett, dann legte sich Bill auf den Rücken und zog Klara auf sich… Sie küsste seinen Hals bis runter zur Brust. Sie zog ihm sein T-Shirt aus, während er ihr mit seiner Hand über den Rücken streichelte. Er wollte ihr gerade das Top ausziehen, als – Wumm. Mit einem Ruck ging die Tür auf und ein wutentbrannter Tom kam ins Zimmer gestürmt und schmiss die Tür mit einem Knall wieder zu. Dass er in einem nicht so passenden Augenblick seinen Bruder gestört hatte, bemerkte er gar nicht. Er tigerte in dem Zimmer hin und her und brummelte sich etwas zusammen, was weder Bill noch Klara verstanden. „Ähm…Tom? Tom! TOM!“, schrie Bill und richtete sich auf. Sein Bruder sah auf. „Was?!“, schnauzte er. „Du bist unpassend“, sagte Bill und deute auf ihn und Klara. „Du fickst dich auch nur durch die Gegend, was?“, rief Tom böse und verschwand. Bill sah ihm mit großen Augen hinterher, dann wandte er sich zu Klara, die nun ihn fixierte. Er schüttelte heftig den Kopf. „Ich werd mal gucken gehen, was mit ihm los ist“, murmelte er, nahm sich sein T-Shirt und machte sich auf zu Tom. Er ging vor die Tür, zog sich sein T-Shirt wieder an und klopfte an das Zimmer von Tom. Als Antwort bekam er nur ein brummen, also ging er einfach hinein. „Stress mit…äh…Sarah?“, fragte Bill vorsichtig, „So kann man es auch sagen“, gab Tom zur Antwort. „Erzähl“, forderte Bill ihn auf. „Also“, fing Tom an, „ich hab mich mit Sarah getroffen. Wir haben uns unterhalten und sind ein bisschen in der Gegend rumgelaufen. Dann hab ich sie einfach irgendwann geküsst. Da hat sie ja auch noch mitgemacht, aber als ich dann mehr wollte, hat sie sich gewehrt…“ „Ja und“, fragte Bill, „es ist eben nicht jedes Mädchen wie….du“ Tom sah ihn gehässig an. „Das weiß ich selbst. Aber das ist es ja auch nicht. Ich hab halt immer weiter gemacht, weil ich dachte, sie wird es sich doch noch überlegen. Und jetzt kommt’s: Da sind doch tatsächlich die Bullen aufgetaucht und jetzt hab ich ne Strafe von 100 Euro wegen sexueller Belästigung zu zahlen.“ Bill sah ihn mit großen Augen an: „Oh. Aber…das geht doch nicht…ich meine, dass müssen doch…“ Tom nickte nur. „Oha“, brachte Bill heraus, „und wie willst du es ihnen sagen?“ Tom zuckte mit den Schultern und sah Bill flehend an. Dieser gab nach und sie gingen gemeinsam nach unten. „Mum, Gordon“, sagte Bill und übergab mit einem Blick Tom das Wort. Der erzählte seinen Eltern alles. Sie reagierten gar nicht so, wie er gedacht hatte, nein überhaupt nicht. Auch, wenn sie es nicht gerade mit offenen Armen und einem glücklichem Gesicht empfingen. Sie erteilten ihm für das nächste Wochenende Hausarrest und damit hatte sich die Sache erledigt. „Na also, war ja doch nicht so schlimm“, sagte Bill, als er und Tom wieder auf dem Weg nach oben waren. Tom nickte. „Stimmt“, sagte er, „hast recht.“ Damit ging er dann in sein Zimmer und Bill ging wieder zu Klara, die ihn fragend ansah. Er winkte nur ab und setzte sich zu ihr. „Was war denn los mit Tom?“ „Ach“, erwiderte Bill, „nix wichtiges.“ „Achso“, erwiderte Klara. Dann fing sie an zu grinsen und kroch langsam auf ihn zu. „Also“, flüsterte sie von hinten in sein Ohr, „wo waren wir stehen geblieben?“ Bill drehte sich um, lächelte und fing an sie zu küssen.

Am Nachmittag klingelte das Telefon. Simone ging ran. „Kaulitz“ „Guten Tag Fr. Kaulitz“, ertönte es von der anderen Seite, „hier ist Fr. Schwarz, vom Jugendamt. Ich möchte einige Dinge mit ihnen wegen Klara besprechen.“ Simone fragte vorausahnend: „Worum geht es denn?“ „Um einen Platz in einem Heim.“, antwortete Fr. Schwarz. „Und?“ „Es gibt ein Heim“, fing Fr. Schwarz ruhig an, „in der Nähe von Klaras Elternhaus, das noch einen Platz für sie frei hat. Allerdings erst in zwei Tagen.“ „Das ist ja toll“, freute sich Simone und machte am Telefon einen kleinen Hüpfer. Klara war ihr inzwischen richtig ans Herz gewachsen und wollte nur das Beste für sie. Fr. Schwarz erklärte Simone noch alles andere, dann legten die beiden auf und Simone rief ihre Söhne und Klara zu sich in die Küche. „Bill, Tom, Klara, kommt runter, ich hab Neuigkeiten für euch.“ „Wir kommen gleich!“, kam es von Bill. Er eiste sich von Klara los, die sich sein T-Shirt anzog. Er tat es ihr nach und sie küssten sich noch einmal, bevor sie sich auf den Weg nach unten machten. Auf dem Flur trafen sie Tom, der sie fragte, was seine Mutter denn schon wieder wollte. Bill und Klara zuckten nur die Schultern und die drei gingen die Treppe runter in die Küche. Dort angekommen, setzten sie sich an den Tisch, zu Simone, die gerade ihre Zigarette ausdrückte. Als sie die drei sah, fing sie an zu lächeln. „Also“, fing sie an, als Bill, Tom und Klara Platz genommen hatten, „Fr. Schwarz hat eben angerufen. Es ging um dich, Klara.“ Klaras Augen weiteten sich und sie bekam Bauchkribbeln. Was hatte das zu bedeuten? Hatte man ein Platz in einem Heim in Magdeburg, wenn nicht sogar Loitsche für sie gefunden? „Es gibt ein Heim“, sagte Simone langsam, „hier in Loitsche, das noch einen Platz für dich hat!“ Klara stieß einen Freudeschrei aus. Und Bill und Tom applaudierten. „Aber“, kämpfte Simone gegen die drei an, „du kannst erst in zwei tagen dort hin.“ „Das macht nix“, erwiderte Klara glücklich und fiel Bill in die Arme. Sie würde bald in einem neuen zu Hause wohnen. In einem neuen, schönen zu Hause, wo sie nicht geschlagen werden würde. Klara war so glücklich wie noch nie zuvor. Sie wusste: Das war der Anfang vom Glück…

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